15:32 Uhr. Sie geht. Er bleibt. Wer führt hier eigentlich wen?
15:32 Uhr, Großraumbüro, ein mittelständisches Unternehmen in Süddeutschland.
Lisa klappt ihren Laptop zu, nimmt ihre Jacke und geht. Nicht heimlich, nicht gehetzt — selbstverständlich. Ihre Aufgaben für heute sind erledigt, das Projekt liegt im Plan, die Übergabe an den Kollegen ist gemacht. Sie verabschiedet sich kurz, lächelt, ist weg.
Am Nachbartisch sitzt Markus. Er schaut kurz hoch, als Lisa geht. Dann wieder auf seinen Bildschirm. Markus wird heute bis 17:45 Uhr bleiben. Nicht weil er muss — sein Task-Board ist seit einer Stunde leer. Aber so macht man das hier. Die Führungskraft ist noch da. Die Kollegen sind noch da. Und wer früh geht, über den wird geredet. Nicht laut. Aber es reicht.
Ich saß an diesem Nachmittag mit dem Abteilungsleiter zusammen, als er beiläufig sagte: „Die Lisa ist gut, aber sie könnte sich ruhig etwas mehr reinhängen. Der Markus zum Beispiel — der ist immer einer der Letzten."
Da war er wieder. Der blinde Fleck, den ich in Unternehmen so oft sehe, dass er mir manchmal den Schlaf raubt: Wir verwechseln Anwesenheit mit Leistung. Und wir belohnen das Falsche, ohne es zu merken.
Lisa erledigt in sieben Stunden, wofür andere neun brauchen. Nicht weil die anderen schlecht sind — sondern weil Menschen unterschiedlich arbeiten, unterschiedlich schnell denken, unterschiedlich Energie aufbauen und verbrauchen. Das ist keine Schwäche, das ist Realität. Aber unser System macht keinen Unterschied. Wer früher geht, schreibt Minusstunden. Wer länger bleibt, sammelt Überstunden. Unabhängig davon, was in diesen Stunden tatsächlich passiert ist.
Das Ergebnis: Lisa fühlt sich bestraft für ihre Effizienz. Markus wird belohnt fürs Dasitzen. Und der Abteilungsleiter glaubt aufrichtig, er habe ein gutes Bild von seinem Team.
Jetzt kommt der Punkt, an dem es unbequem wird: Ich sage nicht, dass Zeiterfassung falsch ist. Und ich sage auch nicht, dass jemand, der länger braucht, weniger wert ist — im Gegenteil. Was ich sage, ist: Als Führungskraft entscheidest DU, was du anerkennst. Jeden Tag. Nicht das System, nicht die Stechuhr, nicht der Tarifvertrag — du. Durch das, worüber du sprichst. Durch das, was du lobst. Durch die Frage, die du im Jahresgespräch stellst.
Und diese Frage kann lauten: „Wie viele Stunden warst du da?" Oder sie kann lauten: „Was hast du bewegt?"
Der Unterschied zwischen diesen beiden Fragen verändert Teams. Nicht über Nacht. Aber nachhaltig.
Deshalb interessiert mich: Wie handhabt ihr das? Belohnt euer System Ergebnisse oder Anwesenheit — und wie geht ihr als Führungskraft damit um, wenn beides nicht zusammenpasst?
Führe dich selbst, und alles andere folgt.
— Ralf
Weitere Impulse
Schau gern in die vollständige Übersicht für mehr Gedanken aus der Serie „Führung ist kein Zuschauersport".