120 Menschen, 6 Nationen, ein Dachprojekt — was mich Singapur über Führung gelehrt hat.
Singapur, 1997. 38 Grad, 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Ich stehe auf einer Baustelle und schaue auf eine riesige Fläche, auf der wir in zwei Jahren 45 Dächer mit 77.000 m² Dachfläche bauen sollen.
120 Menschen aus sechs Nationen sollen es in zwei Jahren schaffen, Verzögerungen sind nicht erlaubt. Italiener, Inder, Bangladeshi, Filipinos, Thailänder, Deutsche. Manche sprechen Englisch. Die meisten nicht. Manche schütteln Hände. Andere verbeugen sich.
Ich bin 33, frisch als Geschäftsführer eingesetzt, und ich habe keine Ahnung, wie man das führt. Und schwindelfrei bin ich auch nicht.
In der dritten Woche der erste echte Konflikt. Ein italienischer Vorarbeiter kritisiert einen indischen Subunternehmer vor versammelter Mannschaft. Sachlich korrekt. Kulturell eine Katastrophe. Am nächsten Tag erscheint sein Team nicht.
Das war der Moment: Interkulturelle Führung ist kein Soft Skill. Sie ist der härteste Skill, den es gibt. Sie verlangt, die eigene Brille abzusetzen. Jeden Tag.
Drei Lektionen aus zwei Jahren:
Erstens — Respekt ist universell, seine Form nicht. In Deutschland zeigst du Respekt durch Direktheit. In Asien durch Indirektheit. Beides ist aufrichtig.
Zweitens — Vertrauen entsteht nicht in Meetings, sondern beim Essen, beim Tee, in den Momenten dazwischen.
Drittens — Die Menschen auf dieser Baustelle hatten alles, was sie brauchten. Meine Aufgabe war, den Raum zu schaffen, in dem sie zusammenfinden konnten.
Das Dach steht bis heute. Was mich bis heute begleitet: Führung über Kulturgrenzen verlangt im Kern dasselbe wie Führung überall — zuhören, bevor du redest. Fragen, bevor du urteilst.
Meine Frage: Wann hast du festgestellt, dass deine Art zu führen in einem anderen Kontext nicht funktioniert — und was hast du daraus gemacht?
Führe dich selbst, und alles andere folgt.
— Ralf
Weitere Impulse
Schau gern in die vollständige Übersicht für mehr Gedanken aus der Serie „Führung ist kein Zuschauersport".