Shopfloor, 6:27 Uhr --- Warum die beste Führung unsichtbar ist
6:27 Uhr, Produktionshalle, Bayern. Schichtwechsel in drei Minuten.
Ich stehe zwischen zwei Fertigungslinien und warte auf den Schichtleiter, mit dem ich an diesem Morgen arbeiten soll. Die Maschinen laufen, es riecht nach Kühlschmierstoff, ein Staplerfahrer hupt, irgendwo zischt Druckluft.
Dann kommt Stefan. Sicherheitsschuhe, Klemmbrett unterm Arm, Kaffeebecher in der Hand. Er nickt mir zu, kurz, kein großes Hallo. Er hat gerade anderes im Kopf — seine Nachtschicht übergeben, die Frühschicht eingetaktet, drei Maschinen, die seit gestern Probleme machen.
Ich begleite ihn die nächsten zwei Stunden. Sage fast nichts. Beobachte.
Und ich sehe etwas, das ich in Vorstandsetagen selten so klar erlebe: Stefan führt im Gehen. Kein Meeting, kein Jour fixe, keine Agenda. Er bleibt an einer Maschine stehen, fragt den Bediener, was los war. Hört zu. Nickt. Geht weiter. Am nächsten Band dasselbe. Zwischendurch ruft er einem Kollegen zu: „Die Palette von gestern — hast du das mit der Logistik klären können?" Der Kollege hebt den Daumen. Stefan geht weiter.
Gegen acht Uhr stehen wir in der Kaffeeküche und ich sage zu ihm: „Stefan, was du da gerade zwei Stunden lang gemacht hast — das ist eine der besten Führungsleistungen, die ich seit langem gesehen habe."
Er stellt seinen Becher ab und schaut mich an, als hätte ich einen Witz gemacht. „Führung? Ich hab doch nur meinen Job gemacht. Ich bin hier Schichtleiter, kein Manager."
Da war er. Nicht der Moment, in dem ich etwas gelernt habe — sondern der Moment, in dem sichtbar wurde, was in Unternehmen ständig passiert: Die wirkungsvollste Führung wird von denen, die sie ausüben, selbst nicht als Führung erkannt. Weil sie glauben, Führung sei etwas, das in Meetingräumen stattfindet. Vor einer PowerPoint. Mit Agenda und Einladung.
Stefan hatte an diesem Morgen keine einzige Anweisung gegeben. Aber jeder in seiner Schicht wusste, woran er ist. Weil er da war. Präsent, ansprechbar, aufmerksam. Nicht mit Methode, sondern mit Haltung.
Was mich daran bis heute beschäftigt: Wie viele Stefans gibt es in Unternehmen, die jeden Tag exzellent führen — und es nicht wissen? Die auf die Frage „Wann führen Sie eigentlich?" antworten würden: „Gar nicht. Ich mache nur meinen Job."
Und wie viel Potenzial geht verloren, wenn eine Organisation diese stille, wirksame Führung nicht sieht, nicht benennt und nicht stärkt?
Deshalb meine Frage an dich: Kennst du einen Stefan in deinem Umfeld — jemanden, der selbstverständlich führt, ohne es so zu nennen? Und hast du es ihm oder ihr schon mal gesagt?
Führe dich selbst, und alles andere folgt.
— Ralf
Weitere Impulse
Schau gern in die vollständige Übersicht für mehr Gedanken aus der Serie „Führung ist kein Zuschauersport".