Fehlerkultur heißt nicht, Fehler zu feiern --- sondern den ersten ehrlich zu benennen
An der Wand im Flur hängt ein Poster: „Fail fast, learn faster."
Im Jahresgespräch drei Türen weiter sagt der Abteilungsleiter: „Das mit dem Projekt im März — das darf nicht nochmal passieren."
Willkommen in der Realität deutscher Fehlerkultur.
Ich erlebe das in Unternehmen so regelmäßig, dass ich es fast vorhersagen kann. Die Geschäftsführung kommt vom Offsite zurück, inspiriert, mit neuen Werten: „Wir wollen eine offene Fehlerkultur!" Es werden Workshops organisiert, Poster gedruckt, vielleicht sogar ein Slack-Channel eingerichtet: \#lessons-learned. Drei Monate später ist der Channel still. Die Poster hängen noch. Aber der erste Kollege, der offen gesagt hat, dass er sich in einer Kalkulation vertan hat, hat diese Offenheit im nächsten Feedbackgespräch wiedergefunden — als Entwicklungsfeld.
Das ist kein böser Wille. Das ist ein System, das sich selbst widerspricht.
Vor einigen Wochen habe ich in einem Workshop eine Frage gestellt, die ich öfter stelle, weil die Antwort jedes Mal ehrlicher ausfällt als alles, was davor gesagt wurde: „Wer von Ihnen hat in den letzten drei Monaten einen Fehler gemacht, den Ihr Vorgesetzter nicht kennt?"
Stille. Dann eine Hand, zögerlich. Dann noch eine. Dann, als klar wurde, dass nichts passiert, noch vier weitere.
Sechs von zwölf. Die Hälfte.
Das ist kein Fehlerkultur-Problem. Das ist ein Vertrauensproblem.
Denn Fehlerkultur entsteht nicht durch Slogans und nicht durch Prozesse. Sie entsteht in einem einzigen Moment: In der Reaktion der Führungskraft auf den ersten Fehler, der offen auf den Tisch gelegt wird. Reagierst du mit Verständnis und einer gemeinsamen Analyse — gratuliere, du baust gerade Fehlerkultur auf. Reagierst du mit hochgezogener Augenbraue, einem tiefen Seufzer oder dem Satz „Wie konnte das passieren?" — gratuliere, du hast sie gerade begraben. Für die nächsten zwei Jahre mindestens.
Das ist die Wahrheit, die auf keinem Poster steht: Fehlerkultur ist nichts, was man einführt. Es ist etwas, das man vorlebt. Oder eben nicht.
Und deshalb meine Frage an dich — und ich meine sie wirklich ernst: Was war die letzte Reaktion, die du als Führungskraft auf einen offen benannten Fehler gezeigt hast? Und wenn du ehrlich bist — würdest du danach nochmal zu dir kommen?
Führe dich selbst, und alles andere folgt.
— Ralf
Weitere Impulse
Schau gern in die vollständige Übersicht für mehr Gedanken aus der Serie „Führung ist kein Zuschauersport".